Value für Alle: Eine Vermögensverwaltungs-Innovation von unerwarteter Seite

Unter dem Titel «Value für Alle» hat die «Finanz und Wirtschaft» (FuW) am 31.8.2019 eine neue Lösung für die Vermögensverwaltung angekündigt. Das Blatt nutzt seine Informationskompetenz, um das «Value-Portfolio», das die Zeitung schon länger publiziert, den Lesern und interessierten Investoren als Tracker-Zertifikat zur Verfügung zu stellen.

Die FuW nimmt für sich in Anspruch, die Empfehlungen der Redaktion hätten in den vergangenen elf Jahren den SMI, den Stoxx Europe 50 und den S&P 500 Index jedes Jahr übertroffen. Seit 2008 hätte sich der Wert des Portfolios verdreifacht.

Klar, dass ich mir das näher angeschaut habe. Diese Performance schlägt sämtliche professionellen Vermögensverwalter, die ich kenne.

Es hat eine zweifache Win-Win-Situation: a) ist dieses Tracker-Produkt einzigartig und etwas wirklich neues und b) nutzt die FuW damit eine vorhandene Kompetenz zusätzlich. Ich gehe davon aus, dass von den 0,75 % Gebühren etwa die Hälfte bei der FuW landet. Das ist zu 100 % zusätzlicher Gewinn, die Daten sind ja alle vorhanden. Diese Kombination ist für eine Zeitung in meinen Augen auch mit weniger Risiko behaftet als die klassische Kombination, bei der die Zeitung zwei Kunden hat – den Leser und Abonnenten sowie die Inserenten. Wie soll eine Zeitung angriffig recherchieren und schreiben können, wenn sich ihre Artikel gegen ihre Inserenten richtet? Bei diesem neuen Finanzprodukt sehe ich dieses Dilemma weniger. Je besser die Empfehlungen sind, umso mehr Gewinn machen die Leser und umso besser wird der Nimbus des Blattes.

Warum ist dieses neue Produkt so interessant?
Sprechen sie mit einem professionellen Vermögensverwalter, läuft bei allen in etwa das gleiche ab. Es wird ihre Vermögenssituation aufgenommen und ihr Risikoprofil erstellt. Darauf aufbauend erklärt Ihnen der Vermögensverwalter, dass Ihr Portfolio sich aus Obligationen, Immobilien und Rohstoffen sowie aus Aktien zusammensetzt. Die Obligationen sollen Ihnen einen stabilen Zins bezahlen. Immobilien und Rohstoffe sollen Sie vor der Inflation schützen. Und Aktien sollen mit einem Kursgewinn zum Vermögenswachstum beitragen.

So weit so gut. Diese Grundlagen, die auf der Theorie von Harry M. Markowitz basiert, stammen aus der Zeit, als Obligationen bis zu 5 % Zins bezahlt haben und Aktien im Schnitt jährlich 8 % zulegten. Stiegen die Obligationenzinsen sanken die Aktienkurse und umgekehrt.

Seit der Finanzkrise gilt dies alles nicht mehr. Warum? Als Privatanleger müssen Sie damit rechnen, dass der Kauf und Verkauf von Obligationen und Aktien Sie ungefähr 2 % Kommissionen und Gebühren kostet. Legen Sie in Fremdwährungen an, kommen pro Transaktion nochmals 0,3 – 0,5 % versteckte Gebühren dazu. Das heisst, Sie liegen ganz schnell im Bereich von 2 – 3 % Kosten.

Möchten Sie Ihr Vermögen nicht selber verwalten, sondern beauftragen ihre Bank oder einen Asset Manager, so kostet dies in Summe ebenfalls jährlich zwischen 2 – 3 %.

Investiert man anstatt in Einzeltitel in Anlagefonds oder in ETFs wird zwar das Risiko breiter gestreut. Gleichzeitig findet jedoch eine Nivellierung des Gewinns nach unten statt, weil sie nicht mehr in die Besten investieren, sondern in den Marktdurchschnitt.

Bei den Obligationen ergibt sich zum Beispiel dieses Bild: Der iShares ETF mit Bundesobligationen mit 3 – 7 Jahren Laufzeit (CSBGC7) wies in den letzten zehn Jahren eine Durchschnittsrendite von 1,89 % auf. Abzüglich der Vermögensverwaltungskosten von 2 – 3 % pro Jahr resultiert ein jährlicher Verlust. Dieser Verlust wird zusätzlich erhöht durch die jährliche Inflation von 1 – 2 %.

Bei Immobilien ist ein etwas differenzierterer Blick notwendig. Selbstbewohntes Wohneigentum macht längerfristig Sinn, um sich vor der Teuerung zu schützen. Bei Renditeliegenschaften bin ich mir aber nicht sicher, ob die Rechnung wirklich aufgeht. Natürlich sind die hohen Dividenden von Immobilienfonds verlockend. Aber was geschieht, wenn eine grosse Wirtschaftskrise ausbricht? Wenn Immobilienbesitzer ihre Hypothek nicht mehr bedienen und Mieter ihren Mietzins nicht mehr bezahlen können? In den gegenwärtig hohen Immobilienpreisen ist viel Bodenspekulation drin. Dieses Gebäude ist ungefähr so stabil wie ein Kartenhaus.

Noch schwieriger wird es bei den Rohstoffen. Rohstoff-Fonds enthalten bis zu 40 Rohstoffe. Wer garantiert Ihnen, dass in einer Inflation die Rohstoffpreise steigen? Und ist es ethisch, das eigene Vermögen mit einer Spekulation auf Nahrungsmittel zu schützen? Mit Weizen, Soja, Dünger, Schweinehälften, etc?

Folglich bleiben nur Aktien. Dies lässt sich leicht nachprüfen, indem zum Beispiel in einem Robo-Advisor verschiedene Portfolios angelegt und miteinander verglichen werden. Rasch zeigt es sich, dass sich echte Gewinne gegenwärtig nur mit Aktien realisieren lassen. Geht man davon aus, dass in der Praxis wahrscheinlich nur die Hälfte des Gewinns realisiert werden kann, den ein Robo-Advisor im Backtest aufzeigt, wird das Ergebnis noch krasser.

Möglichkeiten, um mit Aktien Kursgewinne zu realisieren
Schaut man die Industriegeschichte der letzten 200 Jahre an, lassen sich Zyklen erkennen, die auf den russischen Volkswirtschafter Kondratjeff zurückgehen. In bestimmten Zeiträumen sind in Volkswirtschaften einige Branchen stark gewachsen, andere geschrumpft. Investoren, die in die wachsenden Branchen investiert haben, haben es zu unermesslichem Reichtum gebracht.

Dies gilt auch heute noch. Die heutige Wachstumswelle hat mit Informations- und Kommunikationstechnologien zu tun. Apple, Amazon, Google, Microsoft, etc sind Unternehmen, die in den letzten 30 Jahren entstanden, sehr stark gewachsen sind und immer noch wachsen. Schaut man die Kurssteigerungen von Börsenindices an kommt das Wachstum aus solchen wenigen Technologietiteln, und nicht aus der Breite des Marktes. Dies blenden ETF-Evangelisten gerne aus. Normale Fondsverwalter scheinen dieses Phänomen auch nicht richtig verstanden zu haben. Anders ist es nicht erklärbar, dass kaum ein Fondsmanager in der Lage ist, seinen Benchmark-Index zu schlagen. Sie sind alle im Markowitz-Denken verhaftet, das vermeintlich Sicherheit suggeriert, in der aktuellen Wirtschaftslage jedoch Gewinne nach unten nivelliert.

Der unbelastete Investor stellt sich die Frage, was habe ich denn für Handlungsoptionen?
Aktien möchte ich eigentlich nur im Portfolio haben, wenn die Kurse steigen. Wenn die Kurse fallen möchte ich keine Aktien haben. Wenn sich die Börse seitwärts entwickelt ebenfalls nicht.

Dazu gibt es zwei Ansatzpunkte:

Erstens die «Value»-Strategie. Dabei werden Titel ausgesucht, die managementmässig und finanziell stabil dastehen. Weisen sie einen grossen Taucher unter zum Beispiel den 200-Tage-Durchschnitt auf, werden sie zum Kauf empfohlen. Mathematisch ist dies eine «Mean Reversion» Strategie. Sie geht davon aus, dass sich ein grosser Titel mit geringem Risiko erholt und sich wieder dem 200-Tage-Durchschnitt annähert. Das am Anfang genannte FuW-Trackerzertifikat scheint dies mit einer grossen Trefferquote zu können.

Die zweite Möglichkeit ist eine Trendfolgestrategie, die auf die Kondratjeff-Champions setzt. Wie sich so etwas realisieren lässt hat Andreas Clenow in seinen zwei Büchern beschrieben. Der erste Titel lautet «Following the Trend», der zweite «Stocks on the Move». A. Clenow lebt und arbeitet in Zürich. Schade finde ich, dass noch keine Vermögensverwaltung und kein Robo-Advisor seinen Lösungsansatz aufgenommen hat und anbietet.

Mit einem Robo-Advisor müssten auf diese Art Direktinvestitionen in Aktien möglich sein, die jede konventionelle Fondslösung alt aussehen lassen.

Der statistisch typische Schweizer Sparer und Investor verfügt über ein Vermögen von etwa 500’000 bis 1’000’000 CHF. Als vorsichtiger Schweizer verteilt er sein Geld auf drei Säulen. Das heisst, pro Vermögensverwalter platziert er ungefähr 300’000 CHF. In der Praxis rümpfen viele Vermögensverwalter dafür die Nase. Sie bieten klassische ETF-Lösungen mit niedriger Performance an. Direktinvestitionen in börsenkotierte Unternehmen sind häufig erst ab zwei Millionen CHF möglich mit der Begründung, der Aufwand sei sonst zu hoch.

Die grosse Frage ist: Wann kommt etwas wirklich neues, das sich in der aktuellen Situation praktizieren lässt und nachhaltige Gewinne bringt? Etwas, das sich an der aktuellen wirtschaftlichen Realität orientiert und etwas, das gleichzeitig eine low-cost und High-Performance-Lösung darstellt. Zum Beispiel eine Trendfolgelösung mit der Kostenstruktur von Interactive Brokers. Einem Analystenteam, das ein Aktienportfolio von 200 – 500 Aktien aufbereitet, die im aktuellen Kondratjeff-Zyklus zu den Aufsteigern und Gewinnern gehören. Und einer Anlagesystematik, die nach den Clenow-Grundsätzen erfolgt.

Ob dies als individuell parametrierbare Robo-Advisor-Lösung wie bei Swissquote realisiert wird, als Fonds oder als Tracker-Zertifikat ist sekundär. Je mehr Lösungen auf den Markt kommen, umso lebendiger wird der Wettbewerb. Umso mehr wird die Kreativität stimuliert. Umso grösser werden die Lernerfahrungen und umso höher wird der erzielbare Gewinn.

Für welche Unternehmen könnte dies attraktiv sein? Wer hätte das notwendige Know-how dazu?

Grossbanken und Vermögensverwalter haben die notwendigen Analysten-Daten. Sie müssten nur ihre Blickrichtung etwas ändern. Der zusätzlich Vorteil wäre, dass «swiss made» in der Vermögensverwaltung den alten Glanz zurückerhält, weil wieder ein echter Wettbewerbsvorsprung entsteht. Die grosse Frage ist, wer wird der erste sein? Eine CS oder eine UBS? Eine Privatbank mit Schwerpunkt Vermögensverwaltung, die überdurchschnittlich wachsen will? Ein Asset Management Team, das geistig beweglich ist? Oder eine Versicherung, die ihre PK-Verwaltungslösung multipliziert, indem sie sie auch Dritten anbietet? Ein Monster-Broker mit einer Grossvolumen-Tiefkostenstrategie wie Interactive Brokers? Oder eine der kleinen, innovativen, schnellen Internetbanken wie Saxo oder Swissquote?

Redaktionen von Wirtschaftszeitungen haben dieses Know-how auch. Ein Wirtschaftsredaktor hat vielleicht nicht den Tiefgang eines Börsenanalysten. Dadurch, dass er die Infos von mehreren Analysten zu einer bestimmten Firma hat, kann er aber als Newsaggregator Trends möglicherweise besser vorhersehen. Zusätzlich zur FuW, die zum Tages-Anzeiger gehört, sind die Blick-Gruppe mit Cash oder die Axel Springer Gruppe mit der Handelszeitung Kandidaten. Hier dürfte die Motivation sein, dass sich das Wissen der Redaktion mit einer Anlagelösung zusätzlich monetisieren lässt. Dies kann auch ein Weg für die Digitalisierungsstrategie einer Zeitung sein, die bei Erfolg überdurchschnittlichen Gewinn in die Kassen spült.

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