Banken und Innovation – ein grosses Missverständnis?

Peter Hody, Historiker und Chefredaktor, schreibt in Fi News einen anregenden Artikel über Innovation in Banken. Er stellt fest, wenn Banken zu Innovatoren werden wollen, müssten sie ihre Kultur ändern. Das ist in der Praxis aber leichter gesagt als getan.

Banken stehen für
– Sichere Aufbewahrung von Geld und Wertgegenständen
– Zuverlässigen Zahlungsverkehr
– Zins auf Guthaben
– Geld ausleihen gegen Zins.

Diese Grundaufgaben sind seit über 100 Jahren die gleichen. Diese Art von Geschäft wird über Prozessinnovationen optimiert, die sich mit dem Kürzel «SBB» beschreiben lassen – schneller, besser, billiger. Digitalisierung gehört beispielsweise dazu, Automation beim Druck und Versand von Bankbelegen, künstliche Intelligenz zum Erkennen von Abweichungen bei Zahlungsmustern, um Betrüger frühzeitig entlarven zu können.

Um herauszufinden, was für eine Banke «echte» Innovationen im Sinn von P. Hody sein könnten, lohnt sich ein Blick über den Tellerrand.

Bevor Apple den iPod erfand war es ohne gute Informatikkentnisse nicht möglich, Schallplatten oder CDs in ein Format umzuwandeln, das auf einem MP3-Player abspielbar war. Der Anwender stand zudem immer mit einem Bein im Gefängnis, weil nicht immer klar war, ob dies legal ist.

Mit dem iPod und zusätzlich mit iTunes hat Apple eine Lösung geschaffen, mit der jedermann Musik auf einen kleinen Player herunterladen konnte. Dies ist eine klassische, leidensdruck-induzierte Innovation, die grossartig umgesetzt worden ist.

Beim iPod ging es nicht darum, im Kostenwettbewerb noch ein Mü besser zu werden. Es ging nicht um «Transformation», das in etlichen Unternehmen nur eine faule Ausrede für eine mangelhafte Strategie und fehlenden unternehmerischen Durchblick ist. Es ging darum, ein Ziel zu erreichen, nämlich die komfortable Anwendung von portabler Musik.

Banken können solche Leidensdruck-Probleme finden, indem sie ihre Kunden beobachten.

Ein Beispiel dazu könnte die Vermögensverwaltung sein. Untersucht man einen Index, der zum Beispiel einem ETF zugrunde liegt, stellt man fest, dass etwa ein Drittel der Titel die gleiche Performance hat wie der Index. Ein weiteres Drittel liegt deutlich unter dem Index, das dritte Drittel über dem Index. Erstaunlicherweise ist diese Verteilung auch über eine längere Zeit gleich. Gehe ich nun zur Bank und wünsche, dass mir ein Aktienportfolio aus dem oberen Drittel des Index zusammengestellt wird, lautet eine typische Antwort, a) individuelle Aktienportfolios bieten wir ab 2 Mio an, und b) das können wir nicht.

Sucht man weiter und stellt sich die Frage, wie sich der Gewinn noch weiter optimieren lässt, kommt man zum Schluss, dass Aktien nur ins Depot gehören, wenn sie im Kurs steigen. Fällt der Kurs, werden die Titel verkauft. Es wird erst wieder investiert, wenn die Kurse wieder steigen.

Andreas Clenow, Asset Manager in Zürich, hat dazu zwei fundierte, interessante Bücher geschrieben, «Following the Trend» und «Stocks on the Move». Frage ich bei Banken oder Vermögensverwaltern nach dieser Art der Vermögensverwaltung gibt es jedoch kein Angebot dafür.

Die gleiche Antwort wie oben bekomme ich, wenn ich nach einem Aktienportfolio frage, bestehend aus den je 10 – 20 schnellstwachsenden Titeln aus dem Stoxx 600 und dem S&P 500 Index, das jährlich 2x überprüft wird.

Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass die ganze Finanzindustrie ein Paradigma hat, wie «man» Vermögensverwaltung macht. Neue Betrachtungsweisen werden gar nicht wahrgenommen, weil sie nicht ins Paradigma passen.

Ein weiteres Beispiel ist «Blockchain». Hier herrscht gegenwärtig ein Riesenhype. Wenn ich allerdings im Internet lese, die Computer, die weltweit Bitcoins schürfen, würden gleichviel Strom verbrauchen wie die gesamte Schweiz, ist das alles mögliche, aber sicher nicht nachhaltig.

Das Prinzip der Blockchain ist der «Tally Stick», das Kerbholz, das mehrere hundert Jahre gut und zuverlässig funktioniert hat. Wenn es Banken gelingen würde, für ein gesplittetes Kerbholz ein sicherer Aufbewahrungsort zu sein, so wie für Bargeld, Gold oder Wertschriften, dann hätten sie eine Innovation, die mit Apple’s iPod Siegeszug vergleichbar werden könnte.

P. Hody schreibt, es brauche ein Umdenken und einen Bruch mit den Traditionen. Das ist sicherlich nicht verkehrt. Aber befehlen lässt es sich nicht.

Banken könnten versuchen, in kleinem Massstab neue Dinge auszuprobieren, ausgehend von Kunden-Leidensdruck-Punkten. Kristallisiert sich etwas neues, erfolgversprechendes heraus kann es in grösserem Massstab getestet werden. Ist es erfolgreich kann es global ausgerollt werden.

Haben erste Teams in einer Bank mit solchen Innovationen Erfolg, hat die Bank kein Kulturproblem mehr, sondern ein anderes: Die gut ausgebildeten «jungen Wilden» wollen dann alle in solchen Projekten mitarbeiten. Die Innovationsspirale beginnt nach oben zu drehen.

Bei allen Herausforderungen, die Banken in der Innovation haben, haben sie auch einen grossen Vorteil. Banken haben sehr grosse Ressourcen, personell und finanziell, wenn sie etwas für gut befinden und grossflächig realisieren wollen.