Risikomanagement am Beispiel des Grossprojekts «Covid-Impfung für die Schweizer Bevölkerung»

Der Bundesrat hat sich für die Schweiz das Ziel gesetzt, bis zu den Sommerferien, das heisst bis am 30.6.2021, jede Person gegen Covid zu impfen, die das wünscht 1). Genügen die getroffenen Massnahmen? Und was lässt sich aus diesem nationalen Grossprojekt für das eigene Projektmanagement lernen?

Die erste Frage, die sich bei einem Impfplan stellt, ist welche Menge an Vakzinen zur Verfügung steht. Am 17.3.2021 sieht dies wie folgt aus:

  • Bei Moderna sind 7,5 Mio Impfdosen bestellt. Vom ersten Los ist nur etwa 1/3 der versprochenen Menge geliefert worden. Diese Bestellung ist auf 13,5 Mio Dosen erhöht worden. Theoretisch reicht dies für 6,75 Mio Personen. 3)
  • Bei Pfizer/Biontech sind 3 Mio Impfdosen bestellt. 3)
    (sowie weiter 3 Mio Impfdosen, 7); ergänzt am 8.4.2021)
  • Bei Novavax sind 6 Mio Impfdosen bestellt. Diese Impfung gibt es aber noch nicht. Die Zulassung wird auf Mai 2021 erwartet.
  • Bei Curevac sind 5 Mio Dosen bestellt. Die Situation ist gleich bei bei Novavax; die Zulassung wird im Juni 2021 erwartet.

Weitere Impfstoffe:

  • Johnson & Johnson: Der Impfstoff würde zur Verfügung stehen. Das BAG hat ihn jedoch abgelehnt, weil er erst im dritten Quartal 2021 verfügbar sein wird. Dieser Wirkstoff erzeugt seine Wirkung mit nur einer Spritze.
  • Astra-Zeneca: Ist in der EU zugelassen, in der Schweiz noch nicht. Aktuell findet eine vertiefte Untersuchung statt wegen möglicher Hirnvenenthrombosen-Nebenwirkungen 3), 5).
    (5.3 Mio Impfdosen sind bestellt für den Fall, dass dieses Vakzin die Schweizer Zulassung erhält; 7); ergänzt am 8.4.2021)
  • Sputnik V: Strebt die Zulassung in der EU an. Stand in der Schweiz nicht bekannt; 4), 7).

Die zweite Frage, die sich stellt, ist die nach der Impfgeschwindigkeit. Der Kanton Zürich mit zirka 1,5 Mio Einwohnern und bei 67 % Impfwilligkeit 1 Mio Personen, die bis zum 30.6.2021 zweimal geimpft werden müssen, dürfte in der Schweiz der Engpass werden und logistisch die grösste Herausforderung sein. Gemäss den neuesten Meldungen erhält der Kanton Zürich ab Mitte April die benötigte Impfstoffmenge 2). Das bedeutet, dass der Kanton Zürich in den Wochen 16 bis 25, d.h. innert 10 Wochen, 1 Mio minus der zirka 100’000 bereits Geimpften, d.h. etwa 900’000 Personen mit zwei Impfungen bedienen muss. Das heisst, 1,8 Mio Impfungen innert 10 Wochen. Dies ergibt grob gerechnet 180’000 Impfungen pro Woche.

Mit diesen Eckwerten kann die Risikoanalyse gestartet werden. Welches sind die Risiken?

  1. Zeitliche Risiken – Verfügbarkeit des Impfstoffs: Im Moment steht nur der Moderna-Impfstoff zur Verfügung. Die Liefermengen pro Woche sind unklar. Eine Vergleichsrechnung mit dem Omnicalculator Impfrechner zeigt bereits jetzt zwischen dem BAG-Plan und der effektiven Impfrate für einen 68-Jährigen für die erste Impfung einen Terminunterschied von anfangs April bis Mitte Mai, das heisst etwa 6 Wochen Verzögerung.
  2. Medizinische Risiken: Tritt beim Moderna Wirkstoff eine Nebenwirkung auf, ähnlich wie sie gegenwärtig bei AstraZeneca beobachtet wird, fällt die Impfstrategie der Schweiz wie ein Kartenhaus zusammen, weil keine alternativen Impfstoffe zur Verfügung stehen.
  3. Technische Risiken: Der Moderna Impfstoff muss bei sehr tiefen Temperaturen gelagert werden. Wird diese Kühlkette irgendwo zwischen Produktion und Patient unterbrochen, zerfällt der Impfstoff. Das grösste Risiko ist ein Stromausfall von zwei oder drei Tagen, weil dann die benötigten Tieftemperatur-Kühlschränke nicht mehr funktionieren.
  4. Produktionsrisiken: Die Pharmaindustrie hat wahrscheinlich noch nie Impfstoffe so rasch entwickelt, getestet und die Produktion hochgefahren, teilweise unter Inkaufnahme enormer finanzieller Risiken der involvierten Firmen und Investoren. Aufgrund der grossen Menge treten nun auf der Versorgungsseite klassische Engpässe auf. Ein paar Beispiele: Weil der Moderna Impfstoff bei derart tiefen Temperaturen gelagert werden muss, wird für die Impfampullen ein spezielles Borsilikatglas benötigt. Dieses Glas ist nicht in beliebigen Mengen verfügbar. Das gleiche bei den Impfnadeln; dies sind Präzisionsgeräte. Die weltweite Nadelproduktion ist nicht auf derartige Mengen ausgelegt. Hier müssen neue Betriebsstätten gebaut und in Betrieb genommen werden. Auf der Entsorgungsseite stellt sich die Frage, wie der entstehende medizinische Abfall entsorgt und die raren Rohstoffe rezykliert werden können.
  5. Lieferterminrisiken: Wann treffen die Impfdosen von Pfizer/Biontech, Novavax und Curevac in der Schweiz ein? Falls der Moderna-Impfstoff ausfällt – welches sind die Auswirkungen auf den Zeitplan?

In der militärischen Ausbildung wird gelehrt, dass zum Gewinnen eines Kriegs eine leistungsfähige, funktionierende Logistik notwendig ist. Aus dem Militär lässt sich weiter lernen, dass zum sicheren Gewinnen eines Angriffskriegs mit der drei- bis fünffachen Übermacht angegriffen werden muss. Der Kampf gegen das Corona-Virus ist ein Angriffskrieg. Was passiert, wenn nicht angegriffen wird, lässt sich am Beispiel Schweden erkennen, das zwölf Mal mehr Tote beklagt als das benachbarte Norwegen. Aus dieser Perspektive ist nur schwer nachvollziehbar, warum das BAG ausschliesslich auf mRNA-Vakzine setzt. Die noch nicht zugelassenen Vakzine tragen nichts bei zum Einlösen des Versprechens der Bundesrats, dass bis am 30.6.2021 alle Impfwilligen geimpft seien. Bei den noch nicht erhältlichen Impfstoffen kommt zu den obigen Risiken noch dazu, dass sie eventuell die Zulassung nicht erhalten.

Ein Angriffskrieg gegen Corona-Viren würde folglich heissen, dass mit mindesten fünf Wirkstoffen parallel geimpft wird, um beim Auftreten von irgendwelchen Schwierigkeiten in der Versorgungskette Alternativen zu haben und reagieren zu können. Vor diesem Hintergrund ist nicht nachvollziehbar, warum Johnson & Johnson und Sputnik V nicht gleich ernsthaft beschafft werden wie die Impfstoffe, die teilweise noch nicht einmal zugelassen sind. Bei Johnson & Johnson ist zwar die Wirkung geringfügig niedriger. Dafür ist aber bereits nach einer Impfung der volle Schutz da. Das heisst, auf der Zeitachse ist die Wirkung kurzfristig grösser.

Welche vorsorglichen Massnahmen würde ein guter Risk Manager hier treffen?

Bei der Impfgeschwindigkeit könnte am Beispiel des Kantons Zürich ausgehend vom 30.6.2021 mit der vorhandenen Impfkapazität eine Rückwärtskalkulation gemacht werden. In welcher Woche braucht der Kanton Zürich wieviele Impfdosen? Welche Massnahmen sind auszulösen, wenn diese Mengen unterschritten werden?

Gut wäre auch, in diesem Zeitplan zu überlegen, wie eine Reserve von 1 – 2 Wochen aufgebaut werden kann. Bisher sind die staatlichen Akteure vor allem durch Verschieberitis und «too little, too late» aufgefallen. Für das Vertrauen der Bevölkerung wäre es hilfreich, wenn das Termin-Versprechen 30.6.2021 eingehalten wird, und zwar zuverlässig.

Bei den medizinischen Risiken ist der Fall klar. Zusätzlich zum Moderna-Wirkstoff muss mit 3 – 4 weiteren Präparaten, die verfügbar sind, gearbeitet werden. Das Kostenargument kann in diesem Fall getrost beiseite gelassen werden aus zwei Gründen: a) Sind die Corona- und die Lockdown Kosten für die Schweiz dermassen teuer, dass es wahrscheinlich auch bei 200 Franken pro Person und Impfung immer noch billiger ist, als weiterzutrödeln und das Risiko einer dritten Welle in Kauf zu nehmen. B) ist es so, dass für eine weltweite Impfung eine Impfdauer von 3 – 4 Jahren geschätzt wird, weil weltweit Lieferengpässe bestehen. Sollte die Schweiz im August, September oder Oktober überzählige Impfdosen haben könnten diese innert Tagen dahin weiterverkauft werden, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Bei den Produktionsrisiken kann der Staat keinen grossen Einfluss nehmen. Mit der Verbreiterung der Impfstoffbasis auf vier bis fünf Präparate verkleinert sich dieses Risiko automatisch.

Von politischer Seite aus wäre es vielleicht klug, den Akteuren in der Pharmaindustrie und den zahlreichen Zulieferen einmal zu danken. Es ist nicht selbstverständlich, dass Investoren dermassen ins Risiko gehen, wie es hier bei der Corona-Bekämpfung gemacht wird. Der Staat kann mit guten Rahmenbedingungen helfen, dass diese Unternehmen ein sicheres Produktionsumfeld haben. Zum Beispiel, indem Fussballvereinen und Eventveranstaltern auch einmal das Netzwerk aufgezeigt wird, in dem wir alle eingebettet sind. Dass wir aus dieser Krise nur herauskommen, wenn die Forschung, Entwicklung, klinische Erprobung, Industrialisierung und Verimpfung von Corona-Wirkstoffen funktioniert. Voraussetzung dafür ist, dass die involvierten Personen sicher ihrer Arbeit nachgehen können ohne Angst haben zu müssen, dass sie auf ihrem Arbeitsweg von irgend einem Unbekannten mit Corona infiziert werden. Voraussetzung ist weiter, dass die «Produktion» in allen vitalen Lebensbereichen funktioniert. Ein Beispiel sind die Produktion und Verarbeitung von Nahrungsmitteln und deren Distribution bis in die Läden. Oder ein funktionierender Zahlungsverkehr, damit wir alle die Güter des täglichen Bedarfs einkaufen und bezahlen können. Das geht alles nicht im Home Office. Diese Menschen sind auf Corona-sichere Arbeitswege und Corona-sichere Arbeitsplätze angewiesen. Das geht in den Diskussionen im Nationalrat gerne vergessen.

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Quellen:
1) http://www.blick.ch/politik/bundesrat-alain-berset-nennt-die-huerden-die-gemeistert-werden-muessen-corona-impfplan-steht-auf-wackligen-fuessen-id16402906.html
2) Impfplan Kanton Zürich https://www.nzz.ch/zuerich/corona-in-zuerich-laut-natalie-rickli-gibt-es-bald-mehr-impfstoff-ld.1606756
3) Faktenblatt Moderna und Pfizer-Biontech Impfstoff
4) Sputnik V
5) Astra Zeneca
6) Impfrechner
7) http://www.blick.ch/wirtschaft/deutschland-ist-scharf-auf-putins-vakzin-bayern-schliesst-vorvertrag-fuer-2-5-millionen-dosen-ab-kommt-sputnik-v-jetzt-auch-in-die-schweiz-id16446079.html